Klettern in Geyikbayiri – ein türkisches Kletterabenteuer

Okt 21, 2012 8 Kommentare von

Ich möchte Euch eines meiner absoluten Klettergebietsfavoriten vorstellen: Geyikbayiri in der Türkei.
Es liegt vor den Toren Antalyas in den Ausläufern des Taurusgebirges und über der Lykischen Küste.
Um gleich mit den Negativpunkten des Klettergebiets bei Antalya anzufangen:
 Der Name ist gewöhnungsbedürftig und auch nach all den Jahren muss ich immer wieder nachschauen, wie der kleine Ort in der Nähe der Felsen eigentlich buchstabiert wird: Geyikbayiri! (Oder kurz: Geyik).

So, das waren die Negativpunkte. Alles andere an diesem Kletterort ist nahezu perfekt!

Anreise

Meist günstige Flüge bringen Dich nach Antalya und das in wenigen Stunden, so dass manchmal noch am Anreisetag das Seil ausgepackt werden kann.
Ok, Du sitzt zwar zwischen deutschen Rentnern, Golftouristen und türkischen Familien auf Ihrem Weg hin oder zurück in ihre Heimat oder Zweitheimat (was ja für viele Gastarbeiterfolgegenerationen eine ziemlich unklare Thematik darstellt) und solltest dein Seil lieber nicht mit ins Handgepäck nehmen. Das stellt nämlich eine Waffe dar, weil du damit gleich mal alle im Flugzeug fesseln könntest…
Mit einem Shuttle oder Mietwagen geht’s dann einmal durch Antalya und hoch in die Berge.

Unterbringung

      • JoSiTo: Mittlerweile gibt es doch einige “Klettercamps” bei den Felsen rund um das von den drei Deutschen Jost, Siri und Tobi geführte JoSiTo-Camp. Seit zehn Jahren liegt das wunderschöne Camp mitten drin im Geschehen: www.josito.de
        Es war auch nicht das erste Camp vor Ort, bildet aber aufgrund der Lage und der Bekanntheit sicherlich das “Übernachtungszentrum” vor Ort. Bei unseren ersten Besuchen saßen noch alle anwesenden Kletterer an einem Tisch und Tobi der Chef brachte die Töpfe raus.
        Das kleine Restaurant hat mittlerweile einen ordentlichen “Stuhlumschlag”, wenn Abends die hungrigen Klettermäuler einkehren. Im diesem und manch “nachgebauten” Camps wohnst Du in einfachsten aber urgemütlichen Hüttchen – manche noch original turkishstyle.
        Zelten ist ebenfalls möglich.
        Mein persönlicher Rekord von meiner Hütte bis zum üblichen Kletterprojekt liegt unter einer Minute. In manch andere Sektoren kann es dann auch mal einen Fußmarsch von 10-15 Minuten bedeuten.

        • Climbers Garden: Mit dem Climbers Garden und Öztürk fing der Übernachtungsservice in dieser ländlichen Gegend an: www.climbersgarden.com
        • Organic Guest House: Ein paar Gehminuten weiter weg vom Fels am Dorfrand von Geyikbayiri liegt das Organic Guest House von Rasayana. Sie führt übrigens den ersten und einzigen Bioladen in Antalya. Hier gibt’s Zimmer und Appartements, alles unter einem Dach inmitten von Kräutern und Natur: www.antalyarockclimbing.com

        Mittlerweile gibt es auch schon weitere Camps, nicht immer gibt es dafür dann auch eine offizielle Genehmigung… Es gibt auch Kletterer die sich am Strand von Antalya in eines der Bettenburgenpauschalhotels einquartieren und täglich per Mietwagen zu den Felsen fahren. Wer’s mag…

        Die Camps in der Übersicht

        Einkaufen

        Lasst euch vor Ort bekochen und unterstützt damit die diversen Camps. Natürlich könnt ihr auch die Raviolidosennummer durchziehen, aber ihr verpasst wirklich die geniale türkische Küche. Einkaufsmöglichkeiten direkt beim Klettergebiet gehen übrigens Richtung Null. Unterhalb des Klettergebiets gibt’s, immer Sonntags, einen genialen Gemüse- Klamotten- wasauchimmer Markt. Dort müsst ihr dann unbedingt die berühmten Gözleme (Pfannkuchen) essen.
        In Antalya kauft ihr in der Altstadt die Souvenirs für die Daheimgebliebenen oder macht die riesigen türkischen Märkte ausfindig wo ihr dann eure Jeans für 20,- € ersteht.

        Üblicherweise kommt ihr erst mal überall mit dem Euro durch. Erst beim Obststand direkt an der Straße könnte es dann Probleme geben und daher ist es auch nicht schlecht, ein paar türkische Lira dabei zu haben.
        Übrigens gibt es ein ziemlich gutes, türkisches Bier namens Effes. „Bir bira lütfen“ und schon wird dir eins gebracht!

        Die Touren

        Sinterkletterei inGeyikbayiriUm es gleich vorweg zu nehmen: Die Anzahl der Klettertouren dürfte für ein halbes Kletterleben ausreichen. Und ständig kommen neue Touren, ja sogar ganze Gebiete hinzu. Für die Kletterfinger wird ein farbenprächtiger, meist überhängender und versinterter Kalkfelsen kredenzt. Durch die abdrängenden Felsen ist Geyikbayiri kein Anfängergebiet. Dennoch gibt es auch genügend leichte Touren. Ganz unerfahrene Anfänger oder die berühmten „Wechsler“ (also die, die sich dann doch irgendwann mal aus der Halle wagen) sollten nicht auf eigene Faust loslegen!
        Die JoSiTo-Website bietet eine Tourenübersicht.
        Wer im siebten Franzosengrad unterwegs ist, kann gleich einen Einfachflug nehmen und einfach für immer vor Ort bleiben!

        Entstehung&Topo

        Geyikbayiri ist ein noch junges Gebiet.
        Alles sicher in GeyikbayiriAls vor etwas mehr als 10 Jahren Öztürk und Freunde die ersten Routen einbohrten und in die senkrechten Wände einstiegen, riefen ihnen die Dorfbewohner verzweifelt hoch, sie sollen da runter kommen sonst fallen sie noch hinab. Klettern ist ja auf eine Art sinnfrei und somit erschloss sich dieses Verhalten den Dorfbewohnern auch zu Beginn des neuen Jahrtausends noch nicht so ganz.
        Mittlerweile gibt es weit über 500 Kletterrouten, ein sehr schön gemachtes Klettertopo in der dritten oder vierten Auflage kann vor Ort erstanden werden. Wir ihr wisst, werden durch den Kauf des Topos meist die Leute vor Ort unterstützt, bzw. einen Teil der Ausgaben für die Haken ausgeglichen. Ich empfehle also den Kauf vor Ort.

        Restdays

        An den Pausentagen kann es richtig stressig werden, denn  ihr habt die Qual der Wahl des Ausflugsziels:

              • Soll es ans Meer gehen, in dem auch noch Ende November gebadet werden kann?
              • Ignoriert man die jammernde Haut und Unterarme und klettert ein paar Touren direkt überm Meer? Akyarlar liegt westlich von Antalya und ist in etwa 25 Minuten per PKW erreichbar: Etwa 15 Touren warten dort auf euch; das Klettern ist allerdings nicht superlohnend.
              • Geht man nach Antalya shoppen? Da geht’s dann natürlich in die Altstadt Kaleci.
              • Lässt man sich im Hamam verwöhnen? Geh in das traditionelle in der Altstadt.
              • Fährt man zu einer der antiken Stätten an der lykischen Küste? Ich würde Phaselis empfehlen!
              • DeepWaterSoloing in der Nähe von Olympos? (Tobi von JoSiTo fragen, der ruft dann den Bootsmann an und mit ein wenig Glück ist der dann auch im Hafen und wartet auf euch)
              • Oder fährt man hoch in die Berge zum Snowboarden?

        Die Restday-Ziele in der Übersicht

        Reisezeit

        Ab September lässt irgendwann die Hitze nach und der Grip zieht wieder ein. Geklettert werden kann dann bis Mai. Natürlich gibt es im Winter mehr Niederschläge; Klettern ist aber immer möglich und Dauerregen aufgrund der Meeresküstenlage eher selten. In den Wintermonaten kann es nachts ordentlich kühl werden.

        Mein Fazit

        Ich liebe es abends mit Kletterern aus der ganzen Welt am Lagerfeuer zu sitzen.
        Stephan Straub in GeyikbayiriDie Arme angewinkelt in die Höhe gestreckt, die Finger leicht gekrümmt, Kletterzüge imaginierend, um dann zu merken, dass mein Gegenüber genau weiß an welcher Kletterstelle mein Hirn sich gerade befindet um dann seine Version der Schlüsselstelle vorzuspielen.
        Ich habe die Türkei über das Klettern in Geyik kennen gelernt. Das Land übt für mich aufgrund seiner Lage zwischen Europa und Asien aber auch aufgrund seiner aktuellen Situation zwischen Agrarland und Boomtown (Antalya) zwischen Islam und Popkultur, zwischen Eselskutsche und BMW, zwischen McDoof und Gözleme, zwischen Ziegenhirten und Sportkletterern eine regelrechte Faszination aus!
        Das türkische Bier ist übrigens genial, genauso das türkische Essen. Wenn Dir also deine Co2-Bilanz grünes Licht gibt, flieg mal hin und schau dir einen der noch ein wenig geheimen Kletterspots dieser Erde an!

        Ich hoffe euch damit einen guten Überblick für eine Anreise auf eigene Faust gegeben zu haben. Wenn ihr es etwas komfortabler mögt, und das darf ich hier nicht ganz uneigennützig erwähnen, schaut euch unsere Kletterreise Türkei einmal an.
        Es sind noch nicht alle Geodaten in die Karten eingetragen: Wenn Ihr also noch Fragen habt, oder eigene Tipps und Anregungen, weil ihr schon selbst dort gewesen seid, dann freue ich mich über eure Kommentare.

         

Europa, Türkei

Über den Autoren

Bin locker seit 20 Jahren am Fels. Von daher wird die Liste der offenen Projekte länger und länger. Die ganz harten Touren habe ich mir eh fürs nächste Leben aufgehoben. Als einer der Geschäftsführer von new-institut in Freiburg hänge ich meist hinterm Schreibtisch rum. Um so schöner, wenn ich einmal im Jahr mit meiner Kletterreise Geyikbayiri besuchen darf.

8 Antworten für “Klettern in Geyikbayiri – ein türkisches Kletterabenteuer”

  1. Jana Friedrich says:

    Hört sich super an. Ich glaub ich buch gleich mal nen Flug.;-)
    Vorher würden mich noch zwei Punkte interessieren:
    1. Wer schraubt die Routen, mit welchen Materialien? Wie sind die Sicherheitsstandards? Gibt es eine Organisation/ Alpenverein/ jemanden der regelmäßig mal die Haken kontrolliert?
    2. Da es im Winter ja frisch werden kann: Wie ist die Ausstattung der Ferienhäuser? Friert man?
    Hab mir gleich mal deine Seite angesehen. Das Klettern und Kaffee trinken zusammengehört, finde ich auch. Und das mit der Gratismassage bekommt ihr doch bestimmt auch noch hin, oder? ;-)
    Also, Kletterspot wird gleich mal vorgemerkt!

    • Stephan_S says:

      Hi Jana,
      gleich zu deinen Fragen,
      draußen wird eher “gebohrt” als “geschraubt” :-) Neben Öztürk als Ersterschließer haben vor allem Tobias von Josito und seine Jungs zugeschlagen (auch: Michel Piola). Üblicherweise wird “geklebt” und beim Material auf die Kompatibilität zur Meeresluft Rücksicht genommen. Das Gebiet wird wohl von Tobias gut obeserviert, es gab auch schon erste Sanierungen. Die größeren Hütten haben einen Holzofen, bei den ganz einfachen Hütten gibts dann die zweite Decke, dann passts… Haben wir “Gratismassage” versprochen?? Für eine gute Vermarktung machen wir wohl (fast) alles…
      Grüße,
      Stephan

  2. siri says:

    vielen Dank! Schön geschrieben, wir haben nichts hinzuzufügen, am besten gefällt mir:

    “… Wer im siebten Franzosengrad unterwegs ist, kann gleich einen Einfachflug nehmen und einfach für immer vor Ort bleiben!…”

    Genau so ist es, man wird es nie schaffen alles zu klettern!

    Siri vom Jo.Si.To. Camp

  3. wolfgang says:

    Da möcht ich doch ein paar Worte hinzufügen……
    Wer schraubt denn da….. Da muss einfach mal gesagt werden das Murat vom Climbers Garden zusammen mit seinen türkischen Kletterfreunden sehr aktiv ist (siehe Sektor Kebab und Külin)……..
    auch gesagt werden sollte hier noch: Mitlerweile ist auch der Kletterer im unteren 6. Grad (fr.) gut in Geyik aufgehoben und bei der meist angebotenen Hakendichte hält sich auch der Stress in Grenzen.
    Bin ab 28.10. im Climbers Garden beim Effes zu finden (zumindestens Abends)
    Wolfgang

  4. Ina says:

    Hey, das liest sich sehr gut – danke für den informativen Bericht!

    Mist, schon wieder ein neuer “da-muss-ich-mal-hin”-Spot ;)
    Wenn der Termin fürs kommende Jahr steht, gebt Bescheid!

    Ina

  5. Luna says:

    Hey
    hört sich super an. Toller Bericht!
    Wie siehts denn mit Kinderfreundlichkeit am Fels aus??

    Liebe Grüße
    Luna

  6. Stephan says:

    Hi Luna,
    auch alles easy, kurze Zustiege, ganz selten nur Absturzgelände am Felsfuß. Wobei ich persönlich dem Thema Kleinkinder am Felsfuß sehr kritisch gegenüber stehe! Und das nicht nur im Kalk wie hier sondern auch in anderem Gestein. Ich kenn da vielleicht auch zu viele blöde Geschichten… Ansonsten ist Josito aber auch die anderen Camps ein Paradies für Kids.

    Grüße,
    Stephan

  7. wolfgang says:

    Nehmt die Kids ruhig mit an den Fels…… Es giebt (fast) in jedem Sektor genug Platz und die Kleinen können sich ausserhalb der “Steinschlaggefahr” aufhalten………. Aber sorgt für guten Sonnenschutz. Ich empfehle ein Tarp o.ä.

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