Klettern ohne Kletterpartner: Tipps für Soloklettern und Selbstabsicherung

Aug 16, 2012 Null Kommentare von

Es kann vorkommen, dass man, aus welchen Gründen auch immer, ohne Kletterpartner klettern will. Dann ist Soloklettern angesagt. Dies ist möglich, benötigt aber zusätzliches Sicherungsmaterial, viel Umsicht sowie besondere Maßnahmen und Vorbereitung.

Geschulte Kenntnisse im Standplatzbau und Standplatzumbau sind absolute Voraussetzung. Da gibt es  keine Kompromisse, denn hier werden Fehler tödlich.

Bitte betrachtet diesen Artikel nicht als Anleitung oder Schulung.

Ich habe definitiv keinen Kursus in Selbstabsicherung besucht. Alles was hier geschrieben steht, basiert auf gesammelter Erfahrungen und guten Ratschlägen erfahrener Kletterer.
Ich habe mir für das Soloklettern ein geeignetes Sicherungsgerät – den Eddy von Edelrid – und einen sogenannten Klipstick zugelegt.
Der Eddy ist wie der Grigri ein automatisches Sicherungsgerät und kann beim Sichern als Alternative zur HMS-Sicherung oder ATC verwendet werden. Er zeichnet sich besonders dadurch aus, dass – bei richtig eingelegtem Seil – eine Fehlhandhabung nahezu ausgeschlossen ist. Man kann ihn z.B. auf  Freilauffunktion stellen: Bei schnellem Seildurchlauf oder Ruck arretiert er selbständig ähnlich wie beim Sicherheitsgurt im Auto.
Der Klipstick ist in einem Artikel von Peter bereits ausführlich in Handhabung und Funktion beschrieben. Dass man mit ihm auch gegen einige Regeln der Kletterethik verstoßen kann liegt auf der Hand.  Überlasst jedem Kletterer selbst wie er damit umgeht. Ich zitiere den Kletterer, der mir das Ding in Arco vorgestellt hat: „ Keine Schlüsselstelle ist mehr vor mir sicher!“- und damit hangelte sich auch schon am Seil hoch.
Der Grund warum ich mich mit Soloklettern und Selbstsicherung befasse ist, dass ich meist ohne festen Kletterpartner und damit häufig auf das Mitleid anderer Kletterer angewiesen bin mich in ihre Gruppe aufzunehmen. Das kann frustrierende Momente erzeugen, wenn die Anderen einen nicht mitspielen lassen. Ich kann allerdings auch die Sicht der Anderen Kletterer nachvollziehen: Man ist ein eingespieltes Team, will sich Routen erarbeiten oder hat Trainingsprojekte.  Da bindet man sich nicht sowas unnützes wie einen Soloklotz ans Bein, bzw. ans Seil.  Ein sehr erfahrener Solokletterer namens Heiner, mit dem ich letztes Jahr die Ehre hatte klettern zu dürfen, hat mich in die Eigensicherung per Grigri eingewiesen. Ich entschied mich aber für den Eddy, der in meinen Augen etwas Bedienungssicherer ist.

Durch die bisherigen Erfahrungen habe mir eine Reihe von Verhaltensregen erarbeitet gegen die ich zu Anfang in beliebiger Kombination verstieß. Dafür, dass nichts passierte kann ich selbst am allerwenigsten. Das Einzelklettern birgt eine ganze Reihe neuer Aspekte:

Abfahrt zum Felsen
Klar, dass man alles dabei hat was auch nur im Entferntesten beim Klettern hilfreich sein könnte. Nicht versessen sollte man aber jemandem bescheid zu sagen wo genau man hinfährt und wann man voraussichtlich zurück sein will. Diesen Termin sollte man so wählen, dass ggf. Suchmannschaften vor dem nächsten Morgen losziehen können.
Ich notiere immer meiner Frau die Klettergebietsnummer, bzw. den Sektor in dem ich mich aufhalte.

Am Felsen angekommen
Dort überprüfe ich den Handyempfang und packe das Telefon in eine Tasche, die ich auf jeden Fall erreiche und die vom Gurt nicht behindert wird. Ich war schon ganze Tage mutterseelenallein im Klettergebiet. Es muss ja nichts passiert sein aber es reicht eine kleine Unkonzentriertheit am Umlenker und das Seil macht vor dir am Boden Feierabend. Da kannste dann HILFE brüllen bis die Murmeltiere auswandern.
Empfehlenswert ist es die Notrufnummer des zuständigen Rettungsdienstes gespeichert zu haben.

Aus nachvollziehbaren Gründen entfällt der Partnercheck. Folglich wird dich niemand warnen wenn deine Ausrüstung oder Vorbereitung fehlerhaft ist. Gehe also Punkt für Punkt alles durch, als würdest du einen Partner überprüfen, den du nicht kennst.
Bei der Routenwahl entscheidet nicht nur der gewünschte Schwierigkeitsgrad, sondern auch die Fixiermöglichkeit des Seiles am Startplatz. Ich versuche mindestens zwei unabhängige Punkte zu wählen an denen ich das Seil einbinde. (Man beachte die vorsichtige Formulierung). Bevorzugt sind zwei solide Bäume an denen ich jeweils eine Bandschlinge verrutschungssicher fixiere und mit einem Karabiner verbinde. Bäume sind elastisch und dämpfen den Fallstoß besser. In dieses Kräftedreieck binde ich per Einbindeknoten das untere Ende des Seiles ein.Ideale Bedingungen sind rar und so hörte ich mehr als einmal: „Da müssen wir wohl ein wenig improvisieren!“ So musste auch schon mal der unterste Bohrhaken für diesen Job herhalten.
Um bei meinen einsamen Umlenkererstürmungen das Risiko zu minimieren, klippe ich per Klipstick im Einstieg eine sichere Höhe vor.
Aufmerksamkeit ist auch der Seil- oder Routenlänge zu schenken. Keiner warnt einen von unten davor, wenn mehr als die Hälfte des Seils ausgegeben ist.

In der Route
Ich nehme den Klipstick meistens mit oder binde ihn erreichbar an. Wenn es anders nicht mehr aufwärts geht, muss ich halt mogeln. Sieht ja keiner ;-)
Zum Weiterklippen per Klipstick muss unbedingt ein Stand gebaut werden. Denn während des Kletterns ist das Nachführen des Seils durch den Sicherungsautomat nicht so einfach wie das Wort Automat hoffen lässt. Wie zum Klippen der Exen braucht man auch beim Nachführen des Seils durch den Eddy festen Halt. Und: Der automatische Seildurchlauf blockiert natürlich immer dann, wenn es gerade am ungünstigsten ist.

Oben angekommen
Am Umlenker oder wo auch immer die Route endet, baue ich den Stand per Bandschlinge und Karabiner und bereite das Abseilen vor.
Ich seile mich meist mit dem ATC XP Guide ab. Oder auch schon mal mit dem Eddy: Es geht, ist aber sehr „bucklig“ wegen des knappen Lösemoments des Sicherungsgeräts. 

Trockenübung
Die Handhabung des Geräts und der Klettertechnik sollte zuhause, zusätzlich Toprope gesichert, geübt werden. (Natürlich habe ich auch gegen diese Empfehlung verstoßen.)

Mein erstes scharfes Erlebnis
Naturgemäß kommt man irgendwo in der Route an eine Stelle, die man sich ganz anders wünscht. Bei mir lag sie ca. 1,5m über der letzten Sicherung. Ich hatte die Wahl zwischen kontrolliertem Abgang jetzt oder unkontrolliert in 3 Sekunden. Nun setzt der Sturzarithmetikrechner ein: 1,5m x 2 + 15m Seil x 10% Dehnung = 3 Sekunden vorbei: Feuertaufe bestanden!

Ein kleines Schlusswort
Das hier Beschriebene soll bloß kein Standardwerk zur Selbstabsicherung werden.
Hier ist noch reichlich Platz für Ergänzungen, Kritiken und Korrekturen.
Klettern ist eine tolle aber auch gefährliche Sache. Wenn irgendwie möglich mache ich sie mit Kletterpartner. Ist nicht nur sicherer sondern auch irgendwie geselliger, allein schon der Sprüche wegen.
Mit meinen gut zwei Jahren Klettererfahrung zähle ich mich noch lange nicht zu den alten (Kletter-) Hasen. Darum gehe ich auch nicht detailliert auf Techniken wie Einbinden des Seils ein. Auch existieren keine aussagekräftigen Fotos mit denen ich den Artikel sinnvoll ergänzen könnte. Jede Situation ist anders und selbst zwei mal hintereinander geklettert hat sie sich wie von Geisterhand plötzlich völlig verändert. Die Verantwortung für die Lage, in die man sich begibt trägt man selbst.

Ich danke allen, die mir mit ihren Anregungen, Ideen und Kritiken geholfen haben einen hoffentlich interessanten Artikel zu verfassen und freue mich auf euer Feedback.

 

Materialberichte

Über den Autoren

Ich, Ralf Seltmann, Jg. 59 bin im Herbst 2011 eher zufällig und fast gegen meinen Willen zur Kletterei gekommen. Mein Sohn Stephan hat mich eines Sonntags in Hamburg in die Kletterhalle mitgenommen. Seit dem löst es bei mir die gleiche Begeisterung aus, wie mein anderer Sport: Das Windsurfen.
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