Klettersucht trotz Handicap

Jul 31, 2012 6 Kommentare von

Ich habe schon Kletterer mit allen möglichen Handicaps die Wand hoch gehen sehen: einbeinig, mit fehlenden Fingern, gehörlos. Mein Handicap ist unsichtbar und auf festem Boden auch erst einmal gar nicht vorhanden. Ich habe schreckliche Höhenangst. Ich hasse hohe Gebäude und Aussichtstürme, meide hohe Brücken wo es nur geht und fliege Flugzeug nur mit Hilfe von Psychopharmaka. Aber ich klettere.
Wenn ich am Fuße einer Route stehe, bin ich ganz mutig. Die sieht doch gut aus – absolut machbar. Doch sobald ich einsteige und vom Boden abhebe ist sie da – die Angst. Sie sitzt auf meinen Schultern und flüstert mir ins Ohr. Lass das doch! Du kannst das nicht schaffen. Viel zu hoch! Du wirst abstürzen. Material kann brechen, Seile reißen und ist Dein Sicherungspartner auch voll bei Dir? Du wirst das Seil nicht in die Exe bekommen, Du wirst stürzen und Dich schrecklich verletzen.
Ich wehre mich. Ich weiß ich kann die Route klettern. Ich will und werde! Ich versuche die Angst abzuschütteln. Ich kletter entschlossen weiter, der Angst direkt in die Arme. Denn inzwischen bin ich wirklich hoch und auch noch deutlich über der letzten Exe. Würde ich jetzt fallen… Der kurze Blick nach unten bewirkt ein krampfartiges Gefühl in den Fußsohlen. Sie sind mein Höhenmesser der mir sagt, dass ich mich mindestens 10 Meter über meiner Komfortzone, sprich über dem Boden befinde. Natürlich weiß ich, dass mein Sicherungspartner mich perfekt sichern, das Seil halten, die Materialien dicke ausreichen würden. Doch meine Angst ist nicht mit Argumenten zu überzeugen. Die Angst bewirkt ein verzweifeltes Festkrallen an den Griffen, bzw. dem Fels, so dass meine Arme und Finger schon bald nicht mehr können und wirklich schlapp zu machen drohen. Mit letzter verzweifelter Anstrengung würge ich das Seil in die rettende Exe und schreie mit Tränen in den Augen: “ZU!”
Verzweiflung! Meine Fußsohlen brennen. Nur der feste Boden unter den Füßen kann mich retten. “AB!” Mein Liebster und Sicherungspartner und liebster Sicherungspartner fragt mich vorsichtig: “Wirklich ab? Sah gut aus bis dahin.” “JA- AB!”
Ich komme runter – in jeglicher Hinsicht. Ich atme tief durch, die Tränen kullern noch etwas. Die Angst hallt noch nach. Ich lege mich auf den Boden. Fühlt sich gut an, so’ n Boden. Warum macht man nur so was hirnrissiges wie Klettern? Nie wieder will ich da hoch, auf den schrecklichen Berg.

Obwohl - ging doch eigentlich ganz gut, bis dahin.

Warum ich mir das immer wieder antue? Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es ein geniales Gefühl ist, wenn die Angst mal nur in ganz klein mitklettert und es mir möglich macht doch ganz gut zu klettern. Wenn ich nach dem Training völlig erschöpft und doch hyper in der Sauna sitze und einfach weiß was ich getan habe. Und sogar das Wundenlecken am nächsten Tag, wenn ich mal wieder nicht weiß wie ich die Hände heben soll um eine Tastatur zu bedienen, erfüllt mich mit Genugtuung. Ich schätze, es ist einfach unerklärlich. Ich liebe das Klettern, trotz Risiken und Nebenwirkungen.

Spezialberichte

Über den Autoren

Ich bin Jana aus Berlin und klettere seit 2009 mit wachsender Begeisterung trotz gleichbleibender Höhenangst. Am liebsten draußen, naja oder auch DWS, oder halt drinnen, oder Bouldern, oder ...ach egal, Hauptsache alles. Und das so oft wie möglich.

6 Antworten für “Klettersucht trotz Handicap”

  1. Peter Bieler says:

    Hallo Jana,
    ich bin schwer beeindruckt.
    Diese Zeilen von der Boulderqueen?
    Dir weiterhin viele Klettererfolge und Glücksgefühle auf dem Boden liegend ;-)

  2. Peter Lawrenz says:

    Ich glaube, wir sollten doch mal einen therapeutischen Tandemsprung miteinander machen…;-)

  3. Ina Mewes says:

    Ach Jana, du sprichst mir so aus der Seele, nur finde ich nicht so tolle Worte dafür :)

  4. Peter Lawrenz says:

    Dr.Lawrenz’ Höhenangst Therapiepraxis ist von Ende März bis Ende Oktober geöffnet…Sprechstunden immer Samstags/Sonntags auf dem Flugplatz Fehrbellin… ;-)

  5. Jan says:

    Oh man Jana – nach diesem Bericht kann ich Deine Leistungen nur noch mehr würdigen. Allerhöchsten Respekt vor Deinem Mut und Deiner Kraft, Dich immer wieder Deinen Ängsten zu stellen.

    Liebe Grüsse Jan

  6. Antje says:

    Hut ab Jana!

    Cool daß Du dies in Worte gefaßt hast.
    Ich denke, es ist auch wichtig für Deine Mitkletterer dies zu wissen, damit sie besser einordnen können (und auf Dich eingehen können), wenn es mal etwas länger an der Wand dauert.

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