Typisches Unfallbild bei Nachstieg in nicht vollendeter Route

Aug 07, 2012 9 Kommentare von

Es ist mir peinlich das Geschehene hier öffentlich zu machen. Aus zwei Gründen habe ich mich entschlossen es trotzdem zu tun:

1. Ich helfe ggf. jemandem dabei, diesen Fehler nicht zu begehen.
2. Mir fällt dadurch die eigene Verarbeitung leichter.

Nun zu den Ereignissen: An einem recht heißen Nachmittag habe ich mich mit zwei Kletterpartnerinnen am Kletterturm Kahleberg in Potsdam verabredet. Nach einigen Routen wollte ich die Dachroute “Spur des Falken”, als 5- hinterlegt, ausprobieren. Ich überzeugte eine Kletterin die Route soweit vorzusteigen wie sie kommt, und ich würde dann die Route vollenden. Sie hat sich tapfer geschlagen und ist bis zur vorletzten Exe vor der Umlenkung gekommen. Diese hat sie mit einer Exe gklippt. Da sie nach einigen Versuchen nicht weiter kam und dann ziemlich tief fiel, ließ ich sie an der einfach geklippten Exe ab.

Ich band mich am anderen Ende des Seils ein und meine Kletterpartnerin nahm mich in die Sicherung – Partnercheck und los ging’s. Da ich nicht oft auf diese Art und Weise nachsteige, mußte ich mich konzentrieren nicht an den Exen vorbeizuklettern sondern sie auszuklippen und abzubauen. In Richtung Dach konzentrierte ich mich auf zügiges klettern, um mit den Kräften zu haushalten. Auch versuchte ich die erlernten Techniken für’s Dach anzuwenden.

Dann hörte ich meine Sicherungspartnerin fragen: “Was machst Du da Peter?” Ich hielt inne und sah den Schlammassel. Die Vorstiegskletterin hatte die Sichernde gefragt, ob das nicht ihre letzte Exe war, die ich gerade in den Gurt gehängt habe. Ich hatte im Eifer des Gefechts die letzte Exe ausgeklippt. Ich hing zwischen Überhang und Dach mit entsprechendem Druck auf den Füßen an einer Hand. O.K. ganz ruhig. Ich hielt mich einigermaßen sicher und hatte versucht meine Kräfte gut einzuteilen. Ich nahm die Exe wieder vom Gurt und wollte sie in den Haken klinken. Sie war verdreht und ich mußte sie erst richten, anschließend klinkte ich sie in den Haken ein. Dann nahm ich mein Seil, um es einzuklippen und wurde von unten mit den Worten “ganz ruhig, Peter” unterstützt. Als ich wieder gesichert war, bemerkte ich, dass ich die Exe davor vergessen hatte. Ich war dort noch gesichert. Diese Tatsache mindert aber nicht den Fehler, dass ich die letzte Exe ausgeklippt habe.

Ich würde mich nicht gerade als Sicherheitsfanatiker bezeichnen, aber ich setze schon einen hohen Sicherheitsstandard an. Trotzdem ist mir dieser Fehler unterlaufen. Laut Trainer ein typisches Unfallbild bei Nachstieg in nicht vollendeter Route. Der Trainer bemerkte, dass wir alle drei bewiesen haben, in kritischer Situation richtig zu reagieren: Ich bin ruhig geblieben und habe mich selbst aus dem Schlammassel befreit und meine Bodencrew, sprich meine Schutzengel, haben ebenfalls die Ruhe bewahrt und die Situation nicht noch verschlimmert.
Ich will nie wieder in eine solche Situation kommen und auch meine Kletterpartner nie wieder solch einem Stress aussetzen!
Ich habe die Route mit Mühe und Not beendet und bin sturzfrei auf den Boden abgelassen worden.

Ich habe gelernt, künftig bei nicht alltäglichen Routen speziell in diesem Fall – nicht vollendete Route mit Überhang im Nachstieg – den Fokus auf dem Wesentlichen zu behalten: die letzte Exe nicht ausklicken und dann Vorstieg. Auch sollte der Vorsteigende in diesem Fall unbedingt versuchen zwei Exen in den letzten Haken zu klippen.

An dieser Stelle nochmal vielen lieben Dank an meine zwei Schutzengel.

 

Unfallberichte

Über den Autoren

Ich bin Peter Bieler, Jg. 63. Seit 2010 betreibe ich das Sportklettern intensiver. Neben den Trainings in den Anlagen von Berlin komme ich auch ab und zu zum klettern an "echten" Wänden. Frankenjura, Schriesheim, Löbejün und Elbi waren bisher drin. Ich klettere im 6. Grad und taste mich gerade an die 7 heran. Ich bin gerne im Vorstieg unterwegs. Erste Erfahrungen habe ich in DWS gemacht und im Free Solo hab mich mich auch schon versucht. Am liebsten klettere ich in orangenen T-Shirts ;-).

9 Antworten für “Typisches Unfallbild bei Nachstieg in nicht vollendeter Route”

  1. Jana says:

    Hallo Peter, toll das du so mutig warst uns alle an deinem fast-Unfall teilhaben zu lassen. Und das du in der vertrackten Situation die Coolness hattest, Exe und Seil wieder einzuhängen: Mörderrespekt!

    Dein Fazit würde ich gerne ergänzen:
    Wenn zwei Kletterer abwechselnd versuchen eine Route zu knacken muss der jeweils Kletternde sich steht`s am selben Seilende einbinden, sprich toprope bis zur letzten Exe klettern und dann den Rest im Vorstieg bewältigen! Dadurch ist das Aushängen der letzten Exe unmöglich und man hängt sein Leben nicht nur an einen Bohrhaken- ob doppelt geklippt oder nicht- die sind ja nicht zum Abseilen gedacht.
    Wenn das Topropen sich auf Grund des Überhanges nicht anbietet, da man im Sturzfalle extrem pendelt, muss man halt das Seil abziehen und zurück zum Start im Vorstieg.

    Mensch, bin ich froh, dass ihr alle mit einem Schrecken davon gekommen seid! Ach ja, und Schutzengel dabei zu haben ist natürlich immer ne gute Sache ;-).
    Bis bald an der Wand!
    Liebe Grüße
    Jana

  2. Peter_B says:

    Ich werde künftig in dieser Situation das Seil immer abziehen, egal ob ich oder mein Kletterpartner klettern will. Ausklippen nur noch in fertig gekletterten Routen.

  3. Antje says:

    Die Geschichte macht mir aber auch deutlich. daß der Partnercheck nicht am Boden aufhören sollte, sondern auch in der Route ein Vieraugenprinzip sinnvoll ist.

    Der Fehler mag beim Kletternden liegen, aber als Sichernder möchte man die Folgen auch nicht erleben.
    Never ever!

    … das uns allen dies erspart bleibt.

  4. Sergio says:

    Puuh, da ist mir ein wirklich unangenehm kalter Schauer den Rücken runter gelaufen. Im warsten Sinne des Wortes.
    Bin ebenfalls sehr Froh dass nichts passierte.
    Vielen Dank für deine Worte Peter ;)

  5. Jonathan says:

    Hi.
    Gerald Krug hat’s im facebook geteilt und Boris Czizikowski hat zurecht angemerkt, dass sinnvolle Kommentare ausm facebook auch hier sinnvoll sind. Also, hier mein Kommentar:
    Da fehlt ‘was ganz wesentliches bzw. die Beteiligten sind scheinbar einfach nicht richtig informiert/ausgebildet: Es ist von vornherein Unfug Nachsteigen zu wollen bis nur noch eine einzelne Exe geklippt ist! Beim Kommentar von Jana kommt das ein bisschen durch, wird aber nicht ganz deutlich. Eine einzelne Exe ist nicht ausreichend.
    Begründung: die einzelne Exe wird ja dann zwangsläufig überklettert. Erfolgt dann ein Sturz kann sich mit etwas Pech eine Schlaufe im Seil bilden, über die Exe legen und diese aushängen – Rumms. Sturz bis zum Boden. (Das ist auch immer eine Gefahr bei der allerersten Exe, aber da nicht so schlimm, weil man sich i.d.R. noch recht nah am Boden befindet.)
    Gut, dass nichts passiert ist. :-)
    Beste Grüße.
    Jona

    • Boris_C says:

      Hi Jona,

      danke, dass Du den Weg in den Blog gefunden hast ;-)

      Hier noch meine kleine Portion Senf aus FB:
      “Das ist richtig und denen trotz guter Ausbildung irgendwie passiert. Da fehlte wohl noch etwas die Routine”.

      Boris

  6. Georg says:

    Nun ists schon ein Jahr her, aber trotzdem würde ich meine Meinung dazu gerne loswerden.

    Ich kann nur Janas Aussage unterstreichen:
    “Wenn zwei Kletterer abwechselnd versuchen eine Route zu knacken muss der jeweils Kletternde sich steht`s am selben Seilende einbinden, sprich toprope bis zur letzten Exe klettern und dann den Rest im Vorstieg bewältigen!”

    Den warum sollte man überhaupt die unteren Exen aushängen?!

    Viele Grüße
    Georg

    • Boris_C says:

      Lieber Georg,

      lieber spät als nie! ;-)

      Du hast völlig Recht! Man sollte sich dass immer mal wieder vor Augen führen, denn die Praxis zeigt, dass bei aller Theorie (und Praxis) immer wieder unglaubliche und fatale Fehler passieren.
      Und das kann man einfach nicht oft genug sagen ;-)

      In diesem Sinne: Danke für Deinen Kommentar!

      Gruß,

      Boris

  7. Georg says:

    Lieber Boris,

    und wichtig hierbei ist auch, dass man die Courage hat, andere Kletterer auf ihre Fehler aufmerksam zu machen.

    Denn auch nach vielen Jahren Klettern und wöchentlichen Besuchen am Kahleberg und in den Klettergebieten Europas passieren einem selbst Fehler, die aber durch den Partnercheck und aufmerksame Mitkletterer nicht zum Unfall führen müssen.

    Auf ein sonniges Wochenende!
    Viele Grüße aus Potsdam,
    Georg

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