Wenn der Trainer die Bouldermatte holt …

Aug 08, 2012 2 Kommentare von

 

….dann ist der letzte Rest Ruhe weg.

Da stehe ich nun, in meiner Route. Pipifax hab ich gedacht, die ist ganz easy und entspannt, die kannste schön zum Warmklettern nehmen.

Seit drei Tagen sind wir nun in Franken. Fünf Tage Camp im Oktober – Sonne satt und hochsommerliche Temperaturen, die Truppe stimmt, das Essen ist der Hammer und mit meinem Kletterpartner knacken wir lauter schöne Routen. Franken ist schon etwas anderes, davor war ich größtenteils im Elbi unterwegs. Hier kann ich mir aber auch noch den einen oder anderen Kletterurlaub vorstellen …

Heute ist die Hartensteiner Wand dran. Nach der Erwärmung stürzen wir uns voller Tatendrang auf den Kleinen Nils (6+), basteln am Einstieg rum, kriegen ihn aber nicht so wirklich auf die Reihe. Also erst mal was ganz einfaches.
Da ist ein Riss, der lacht mich quasi an, die kletter ich ja besonders gerne. Ist auch nur ne Vier – na das sollte doch zu machen sein. Der erste und einzige Ring hängt zwar mit geschätzten 7 Metern ziemlich hoch, die Route selbst sieht aber so aus, dass ich hier auch bedenkenlos meine Tochter hochjagen würde. Griffe und Tritte soweit das Auge reicht. Also eingebunden und nix wie hoch da. Und dann ist “Nils” dran!

Wie erwartet, klettert sich das Ganze völlig entspannt, der Ring kommt näher, also guten Stand suchen, Exe vom Gurt und klinken:

… „Plinkplink“ …

Mist, da fehlt ein halber Zentimeter, Metall schlägt auf Metall – aber es reicht halt nicht so ganz. Naja, egal, dann eben ein Stückerl weiter hoch und das Ganze noch mal. Ich stehe gut, die Hände wandern nach oben, um in gewohnter Weise den nächsten Henkel und das nächste große Loch zu greifen – nur ist da nichts. Verdammt, wo sind die Griffe hin? Ratlos schaue ich mich um. Keine Panik, du stehst super, schau, dass du irgendwas für die Hände bekommst und dann hoch die Füße.
Aber da ist nichts. Ich probiere alles mögliche, eigentlich fehlt nur die „freihändige Standwaage an Frankenfels“. Und da ich die Erste in der Route bin, gibt es leider auch keine hilfreichen Tipps von unten.
Verdammt noch mal, wer hat dieser Route ne Vier gegeben? Oder stell ich mich wirklich soo blöd an?
Langsam aber sicher wird mir die Entfernung zum doch recht harten Waldboden und die immer noch fehlende Sicherung meinerseits bewusst. 7 Meter sind auch bei einer Easy-Route 7 Meter…wird Zeit, dass ich hier weiter komme…

Auf seinem Rundgang kommt Jan, unser Trainer, bei mir vorbei und wirft ein lockeres: „na Ina, alles klar?“ nach oben. Ein klägliches „nicht wirklich“ kommt von mir zurück. Ein überraschter Blick nach oben und Jan nimmt sich meines Problems an. Nach 5 Minuten Rumprobieren bin ich aber beim besten Willen mittlerweile zu keinen Experimenten mehr zu überreden. Jan verschwindet aus meinem Blickfeld und kommt mit der Bouldermatte, die wir für extraschwierige Einstiege mitgebracht haben, zurück. Spätestens in diesem Moment ist auch der letzte Rest Ruhe weg. Das kleine Ding hilft mir hier oben nicht wirklich. Und ob die was abfängt?
Ich spüre, wie mir die Panik in die Knochen steigt. Das Herz rast, die Hände werden feucht. Ok, hier kommt nichts gutes mehr, also irgendwie beruhigen und versuchen, runter zu kommen….runter kommen….. ja – das ist ne gute Idee! Wozu haben wir bis zum Erbrechen in der Hallensaison die Routen hoch- und eben auch runter gesponnen?
Ich melde nach unten, dass ich versuche, zurück zu klettern, denke mir dabei – jeder Meter, den du dichter am Boden bist, tuts weniger weh, wenn du doch absaust. Und da ist ja auch die Bouldermatte, so ab 3 Metern hilft die ja vielleicht.
Ruhig atmen, die Füße sicher stellen, du bist hier locker hochgekommen und Dynamos waren auch keine bei, also kommst du hier auch runter, nur ruhig bleiben….Meter für Meter nähere ich mich dem Boden. Unten angekommen zittern die Knie und mir ist ziemlich flau im Magen…

Was bitte war das denn???

Der Nächste steigt in die Route ein, steht an gleicher Stelle, zögert kurz und geht vom Riss einen Meter nach links an die Wand. Argh…da sind sie – alles voller Griffe und Tritte, ich bin so blind!
Nach dem Motto: wenn du vom Pferd fällst, gleich wieder aufsteigen, nehme ich mir ein paar andere Routen vor, steige danach aber trotz Magengrummeln noch mal hier ein. Und natürlich ist die Vier ne Vier und die Route Pipifax, wenn man denn weiß, wo es lang geht….

Was also habe ich für mich gelernt?

Auch ne Vier kann ganz schön hoch sein, wie sagte Boris so schön in einem anderen Artikel – Unterschätze niemals deinen Gegner“
Und was hochkommt, kommt auch wieder runter. Wie genau, das ist die Frage. Ich für meinen Teil übe jedenfalls weiterhin brav meine Boulder hoch UND runter zu klettern ;)

 

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Über den Autoren

Was mich geritten hat, als Flachland-Indianer mit Wasser-Sucht auf einmal mit dem Klettern anzufangen, weiß ich bis heute nicht - nur, dass es mich seit knapp 2 Jahren voll erwischt hat. Am liebsten unterwegs im Elbi - zur Not nehm ich aber auch den "Zauberberg" im dicken B ;)

2 Antworten für “Wenn der Trainer die Bouldermatte holt …”

  1. Peter_L says:

    Schön ist auch immer dieser beruhigend gemeinte, aber ganz anders wirkende, Kommentar von ihm “Stürzen ist jetzt keine Option.” – wie das Startpedal einer Singer Industrienähmaschine…

    Ich erinnere mich an die Route, der erste Haken war wirklich ganz schön hoch und ich gestehe, meinen absolut unfairen, unsportlichen, hahnebüchenen Reichweitenvorteil in aller Pracht ausgenutzt zu haben :-)

  2. Jürgen says:

    witziger Artikel! Ich kenne die Route auch und natürlich auch die Stelle. Ich bin die in fast völliger Dunkelheit zum Ausklettern nachgestiegen und musste an der selben Stelle mir nochmals klar machen, dass das eine 4 ist und es Griffe geben MUSS.

    Aber das war nicht der Witz an der Sache. Meinen Vorsteiger hatte ich auf den Ring aufmerksam gemacht, als er schon drüber war und das Einhängen auf Kniehöhe war abenteuerlich und wahrscheinlich gefährlicher als wenn er gleich ganz hoch wäre.
    Anpfiff inklusive und eine versauter Free Solo – seine Meinung.

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